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Sozialwirtschaft eingeordnet: Eine Diagnose sollte der Anfang von Hilfe sein – nicht der Beginn einer jahrelangen Warteschleife

Wenn Familien nach einer Autismus-Diagnose jahrelang auf Unterstützung warten, läuft etwas grundlegend falsch.

Denn eine Diagnose schafft Klarheit – aber noch keine Hilfe. Diese Lücke zwischen erkanntem Bedarf und verfügbarer Versorgung müssen wir schließen.

Dabei dürfen wir Autismus nicht isoliert betrachten. ADHS tritt bei autistischen Kindern überproportional häufig zusätzlich auf. Auch hier steigt der Unterstützungsbedarf: 2024 wurden in Brandenburg 18 Prozent mehr ADHS-Neudiagnosen bei Kindern und Jugendlichen gestellt als im Vorjahr.

Jahrelange Wartezeiten auf Unterstützung

Wie groß diese Lücke ist, zeigte Anfang September ein Fachgespräch im Gesundheitsausschuss des Brandenburger Landtags, an dem auch unsere Kollegin Juliane Höpfner teilnahm. Was dort geschildert wurde, sollte uns zu denken geben: 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit ADHS erhalten keine Therapie. Bei einer Autismus-Diagnose warten Familien zum Teil vier Jahre auf einen Therapieplatz. In unserem Autismuszentrum melden sich täglich ein bis zwei Familien, die Unterstützung suchen.

Vier Jahre im Leben eines Kindes – eine unfassbar lange Zeit. Und die Versorgungslücke endet nicht bei der Therapie. Wir erleben im Oberlinhaus, wie sehr Kitas, Schulen und Familien unter fehlender Unterstützung leiden. Vom Autismuszentrum über Frühförder- und Familienberatungsstellen bis zur Schulassistenz begleiten wir Kinder und Familien in verschiedenen Lebenssituationen.

Systeme müssen sich an unterschiedliche Bedürfnisse anpassen

Dabei sehe ich ein grundsätzliches Problem: Noch zu oft erwarten wir, dass sich neurodivergente Kinder an unsere Systeme anpassen – statt die Systeme auf unterschiedliche Bedürfnisse auszurichten.

Fehlt Wissen über Autismus, werden Verhaltensweisen schnell als Erziehungsproblem oder mangelnde Anstrengung interpretiert. Und wenn Fachkräfte nicht ausreichend unterstützt werden, tragen alle die Folgen: überlastete Pädagog:innen, verunsicherte Eltern – und vor allem Kinder, die erleben: „Ich bin nicht richtig“.

Familien brauchen frühzeitig Orientierung und Beratung

Aus unserer Praxis ist deshalb klar: Familien brauchen direkt nach einer Diagnose Orientierung und Beratung – nicht erst nach langwierigen Antragsverfahren. Autismuszentren, Frühförderstellen und therapeutische Angebote brauchen ausreichende Kapazitäten. Kitas und Schulen benötigen mehr Fachkompetenz zu Autismus und ADHS.

Denn je früher Unterstützung einsetzt, desto nachhaltiger kann sie wirken. Eine schnelle Begleitung nach der Diagnose entlastet Familien und Hilfesysteme – und vor allem stärkt sie die seelische und soziale Entwicklung der Kinder.

Aus Austausch müssen konkrete Verbesserungen entstehen

Das Fachgespräch im Landtag war wichtig. Jetzt kommt es darauf an, aus dem Austausch zwischen Politik und Praxis konkrete Verbesserungen für Kinder und Familien entstehen zu lassen.

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Sozialwirtschaft eingeordnet

Thomas Neubauer nimmt regelmäßig Stellung zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen, die die Arbeit des Oberlinhaus und die Sozialwirtschaft betreffen. In seine Beiträge fließen seine langjährige Erfahrung als Geschäftsführer mehrerer Einrichtungen im Oberlinhaus und seine Perspektive als Kaufmännischer Vorstand ein. Zugleich greifen die Beiträge fachliche Impulse aus den verschiedenen Arbeitsbereichen des Oberlinhaus auf.

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